Interview Philipp Baier

DMC sustainability

Die Insel kämpft mit dem Abfall, den Millionen Menschen hinterlassen. Jeder Strandbesucher könnte dagegen etwas tun, sagt Unternehmer und Umweltschützer Philipp Baier.

Interview von Eva Dignös erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 15.08.2018
Der Massentourismus ist Mallorcas Fluch und Segen - wichtige Einnahmequelle und ökologische Belastung. Immer wieder entlädt sich Unmut in der Bevölkerung in Protestaktionen, die Regionalregierung will die Zahl der Betten zurückfahren. Der Deutsche Philipp Baier, der auf der Insel eine Eventagentur betreibt und ein Projekt für den Verzicht auf Plastikflaschen initiiert hat, sieht durchaus Chancen für einen nachhaltigeren Tourismus.

 

SZ: Mehr als sieben Tonnen Abfall haben die Müllschiffe allein vor Mallorca in den ersten beiden Monaten der Sommersaison aus dem Meer gefischt. Wie groß ist das Müllproblem auf Mallorca?

Philipp Baier: Was die Müllschiffe herausholen, ist ein verschwindend geringer Teil. Von den Schiffen aus überblickt man einen Radius von gerade einmal 30 Metern. Vor allem an den Stränden, an denen tagsüber und abends sehr viel los ist, zum Beispiel an der Playa de Palma, lassen viele Strandbesucher ihren Abfall einfach liegen. Wenn wir Glück haben, landet er bei der Strandsäuberung doch noch in der Tonne und damit im Müllverarbeitungssystem. Dann haben wir zwar zu viel Müll, aber wenigstens ist er im Idealfall weg aus der Natur.

Also ist alles gar nicht so schlimm?

Doch, denn das zweite Problem ist die unzureichende Abwasserinfrastruktur. Bei Starkregen kann die Kläranlage die Wassermengen nicht bewältigen und das Abwasser läuft ungeklärt mit Regenwasser vermischt ins Meer - und damit auch Unmengen an Ohrenstäbchen oder Feuchttüchern. Diese Plastikabfälle, die in der Toilette ohnehin nichts zu suchen haben, finden wir bei Strandsäuberungsaktionen in der Nebensaison in sehr, sehr großen Mengen an den Stränden. Es gibt zwar ein Projekt für eine neue Kläranlage, aber noch ist sie nicht auf dem Stand, auf dem sie sein müsste.

Erstickt die Insel an ihrem eigenen Erfolg als Urlaubsziel?

Ich verdiene mein Geld mit Tourismus, aber ich bin trotzdem der Ansicht, dass vor allem in den Sommermonaten zu viele Menschen auf der Insel sind. Die Infrastruktur ist nicht dafür gebaut. Wenn auf einem Fußballfeld 22 Menschen spielen, dann macht es Spaß, mit fünf mehr auf jeder Seite geht es auch noch, aber mit 50 Leuten auf jeder Hälfte eben nicht mehr. Ähnlich ist es hier bei uns auf der Insel: Es sind im Sommer einfach zu viele Touristen. Das merkt man nicht nur bei der Müllentsorgung, sondern zum Beispiel auch beim Verkehrsaufkommen. Selbst der harmlosere Individualtourist mit dem Mietwagen hinterlässt seinen Fußabdruck.

Dann ist nur der Tourist, der gar nicht erst kommt, ein guter Tourist?

Nein, der Tourist, der auf der Insel ist, kann auch schon viel tun. Wenn jeder den eigenen Müll und am besten auch noch den Müll von seinem Nebenmann vom Strand wieder mitnimmt und korrekt entsorgt, wenn keine Zigarettenstummel mit ihren extrem giftigen Filtern einfach liegen gelassen werden, wenn man im Supermarkt keine Plastiktüte mehr nimmt und an der Hotelbar keinen Plastikstrohhalm, dann ist schon viel erreicht - Gleiches gilt im Übrigen auch für die lokale Bevölkerung.

Es gibt immer wieder Protestaktionen der Inselbewohner gegen den Massentourismus. Spiegeln sie die allgemeine Stimmung wider? Immerhin verschafft der Tourismus ja auch vielen Menschen Arbeit.

Ich bin im Moment ganz zuversichtlich, dass zwischen Wirtschaft, Politik und Inselbewohnern ein Konsens darüber herrscht, dass mehr nicht unbedingt besser ist. Auch in der Hotellerie findet ein Umdenken dahingehend statt, dass wir darauf achten müssen, wie viele Menschen die Insel von der Infrastruktur her noch beherbergen kann und in welche Richtung wir noch wachsen können. Der Druck aus der Bevölkerung auf die Regierung ist an einem Stadium angekommen, wo gehandelt werden muss und wo mittlerweile auch gehandelt wird.

Plastiktüten und -flaschen, Einweggeschirr und Kaffeekapseln sollen in den nächsten Jahren Schritt für Schritt von der Insel verbannt werden. Geht es nur mit Verboten?

Der Mensch hat in allen Lebensbereichen immer Angst vor einem Wechsel. Wenn er es machen muss, dann geht es. Aber viele Veränderungen gelingen auch freiwillig: Auffüllstationen für Mehrweg-Wasserflaschen werden hier in vielen Büros schon sehr gut angenommen. Und wenn man für sich die Entscheidung trifft, auf die Plastikflasche zu verzichten, vergisst man nicht mehr, die Edelstahlflasche einzupacken. Sie vergessen ja auch Ihr Mobiltelefon nicht, wenn Sie aus dem Haus gehen.

Nun stammt der Müll, der an den Stränden angeschwemmt wird, nicht nur von der Insel, sondern auch von anderen Mittelmeer-Anrainern. Mallorca wird das Problem nicht allein lösen.

Nein, natürlich nicht. Dass die Menschen für ihre Umwelt Verantwortung übernehmen, muss global geschehen und darf sich auch nicht auf den Urlaubsort beschränken. Der Müll ist kein Mallorca-Problem, überall am Meer ist es voll mit Müll. Es geht darum, generell bewusster und verantwortungsvoller mit Konsum umzugehen. Und dazu gehört die Reduzierung von unnötigem Müll, ein Verzicht auf all diese Plastikartikel, die wir nicht einmal eine Minute lang benutzen, die aber für immer in der Umwelt im Umlauf bleiben.

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15/08/2018, Eva Dignös